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REISEN
© DIE ZEIT, 22.06.2006 Ferme
d'hôte Akrich, Marrakesch
Man macht heutzutage ja fast schon einen Luftsprung,
wenn man ein Hotelzimmer für den Urlaub findet, bei dem
Lage, Ausstattung und Service dem verwöhnten Geschmack
ansatzweise entsprechen und es nicht mehr als 150 Euro
kostet. Wobei Fotos und Beschreibung im Internet oder
Katalog immer eine gewisse Restangst zurücklassen, ob
man vor Ort dann wirklich alles so vorfindet, wie
erwartet. Kann demnach das Hotel Ferme dhôte Akrich, das
nur 45 Euro pro Person inklusive Frühstück berechnet,
überhaupt infrage kommen? Es kann. Jedenfalls für
denjenigen, der sich beim Marrakesch-Besuch nicht für
einen lichtarmen Riad in der Medina, sondern für ein
Zimmer auf dem Land mit Panorama-Blick entscheidet.
Das Hotel Akrich liegt 20 Autominuten von der Stadt
entfernt in den hügeligen Ausläufern des Hohen Atlas. Es
überblickt das gleichnamige Berberdorf und Ruinen
uralter Kasbahs. Hausherrin Doris Nufer holt die Gäste
persönlich vom Flughafen ab. Das funktioniert, weil sie
nie mehr als zehn Personen in ihren fünf Bungalows
unterbringen kann. Abgesehen davon, dass sich ihr
komfortabler Geländewagen besser für die letzten zwei
Kilometer Hoppelpiste eignet als ein klappriges Taxi,
entspinnen sich auf dem Weg fast schon freundschaftliche
Bande mit der charmanten Schweizerin. Wenn sich dann das
überdimensionale Holztor öffnet, Mitarbeiter Moha, zwei
freundliche Hunde und neugierige Kätzchen grüßen, ahnt
man bereits, dass es sich um ein Juwel handeln muss. Die
mit flachen Lehmhäusern bebaute Fläche bedeckt nur einen
Bruchteil des drei Hektar großen Grundstücks, und die
fernen Begrenzungsmauern verbergen sich hinter üppigem
Grün. Wohlgemerkt, wir befinden uns hier in einer
knochentrockenen Region.
Bungalows und Haupthaus mit Foyer, Speiseraum und Küche
umschließen einen Hof. Die Zitronenbäumchen darin
brauchen allerdings noch einige Jahre, bis sie groß
genug sind, um Schatten zu spenden. Die Anlage wurde
erst vor wenigen Monaten eröffnet. Dafür plätschert der
andalusische Brunnen schön heimelig. Die Zimmer sind
größer als erwartet, schlicht, aber stilvoll in modernem
Marokko-Design eingerichtet. Die kräftigen Farben der
Stoffe, der Terrakotta-Boden und das dunkle Metall des
französischen Holzofens kontrastieren wunderbar zu den
schmucklos hellen Wänden und zu den edlen, cremeweißen
Bettbezügen.
Geräumig das Bad mit bunt gefliester Dusche, in der man
sich leicht zu zweit beregnen lassen kann. Dass die
morgendliche Zimmerreinigung zuweilen erst mittags
erledigt wird, liegt daran, dass das Personal aus nur
einem Mann besteht. Man sollte darüber nicht meckern.
Besser, man bummelt durch den Garten und lässt sich von
der Fülle sonnengereifter Gemüse und Kräuter inspirieren.
Tomaten, Bohnen, Zucchini, Kürbis, Lollo Rosso, Rucola
und vieles mehr gedeihen hier prächtig, ohne Zusatz von
Chemie. Und wem danach ist, der kocht hier selbst.
Madame Doris verrät gern ihre marokkanischen
Lieblingsrezepte. Auf Wunsch zaubert sie selbst auch
mediterrane Speisen. Und die schmecken bei ihr besser
als in den angesagten Restaurants der Stadt. Ihre
Kochkunst hat sie im früheren Leben als Foodstylistin
optimiert.
Wenn man abends an der
langen Tafel speist – im
Winter vor knisterndem
Kaminfeuer – und die
Dame des Hauses
vielleicht erzählt, wie
sie den Bau ihres Hotels
in dieser provinziellen
arabischen
Männergesellschaft ohne
männliche Unterstützung
bewältigt hat, und zwar
vom Kauf des Grundstücks
über Detailentwürfe bis
hin zur Koordinierung
der einheimischen
Handwerker, dann
vergisst man glatt, dass
man ganz in der Nähe des
quirligen Marrakesch
logiert. Morgen, denkt
man, ist auch noch ein
Tag für einen
Basarbesuch und lehnt
sich zufrieden zurück.
Kiki Baron
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