Unterkünfte rund um Marrakech bieten edles ...

Akrich - Ferme d'hôte

© SonntagsZeitung; 09.12.2007; Ausgabe-Nr. 49; Seite 101 Reisen
Palmenhain, Glück allein

Unterkünfte rund um Marrakech bieten edles Design und den Luxus betörender Stille
VON HELENE AECHERLI (TEXT) UND RENÉ RUIS (FOTOS)

Ein einsamer, kniehoher Stein am Strassenrand, 16 Kilometer von Marrakech entfernt. «Akrich» prangt darauf in schwarzen Lettern, ein dicker Pfeil zeigt nach links, hinein ins scheinbar endlose Niemandsland. Der Wegweiser zum Douar Akrich ist so unauffällig, dass wir ihn um ein Haar verpasst hätten. Von nun an zieht sich eine schmale Schotterpiste zwischen trockenen Feldern hindurch, die zwanzig Minuten später einem kleinen Berberdorf Platz machen. Und als sich die bange Frage stellt, ob man nicht doch den falschen Weg eingeschlagen hat, taucht der Douar Akrich auf, die Gästefarm der Schweizerin Doris Nufer. Weisse Bougainvilleas ranken über die rosabeigen Mauern, die charakteristisch sind für Gebäude in Marrakech. Im Hof wachsen Boule-du-Neige-Rosen, Kakteen und Olivenbäume. Mittendrin, zwischen Haupthaus und den fünf Bungalows, plätschert ein rechteckiger Brunnen.

 

Doris Nufer, 58, hatte Hühnerhaut bekommen, als sie diesen Flecken Land vor bald vier Jahren zum ersten Mal sah. Und sie beschloss kurzerhand, sich hier eine neue Existenz aufzubauen, ein Zuhause, das sie mit anderen teilen konnte. Sie wollte die Liebe zum Land vermitteln, zum eigenen Garten und die Wertschätzung der Stille. Das bedeutet, dass man hier weder Fernsehern noch musikalischer Dauerbeschallung ausgesetzt ist.

 

Und so ist die Ruhe, die einen empfängt, betörend. Der Trubel und die Hektik der Medina Marrakechs, in die wir nur ein paar Stunden zuvor eingetaucht sind, scheinen auf einem anderen Planeten stattgefunden zu haben. Als Doris Nufer rechtzeitig zum Sonnenuntergang im Hof ihres Douars zum Apéro bittet, frischen Rettich und Fetakäse auftischt, zwitschern Vögel, und von irgendwo her jenseits der roten Hügel ruft ein Muezzin zum Abendgebet. Eine Leichtigkeit durchströmt Körper und Geist, die offen macht für Neues.

 

Ferien werden schneller, schriller und lauter. Deshalb verwundert es nicht, dass Stille vermehrt zum Luxusgut und Verkaufsargument wird, auch in Marrakech. Die Königsstadt ist so etwas wie die touristische Schatzkammer Marokkos, eines der Juwele des Maghreb. 1,6 Millionen Touristen haben sie im vergangenen Jahr besucht, darunter 15 000 Schweizerinnen und Schweizer.

 

Der Appetit auf Abgeschiedenheit wächst
Die Anziehungskraft der Medina, ihres labyrinthähnlichen Souks und dem Platz der Gaukler ist so ungebrochen wie die Lust, mitten in der Medina in Riads zu nächtigen. Dennoch hat sich innerhalb der letzten drei Jahre die Zahl der Maison und Fermes d’hôtes in Gestalt von Kasbahs, Ksars oder Karawansereien in der nahen und fernen Umgebung Marrakechs verdreifacht. Der Appetit auf Abgeschiedenheit wächst.

 

«Die Leute sehnen sich nach Ruhe und suchen deshalb nach Hotels ausserhalb der Stadt», bestätigt die Französin Nicole Grandsire LeVillar, 54, die zusammen mit ihrem Mann in der Palmeraie von Marrakech das Ksar Char-Bagh erbaut hat und betreibt. Ein märchenhafter kleiner Palast im maurischen Stil, dessen Architektur und Design so vollendet sind, dass man sich eines ehrfürchtigen Entzückens nicht erwehren kann.

 

Die marmornen Mauern strahlen Geborgenheit aus. Das Plätschern der Rinnsale, die sich durch den ganzen Palast ziehen und die Ströme des Paradieses symbolisieren, wirken belebend und entspannend. Zum Ksar gehört eine kleine Farm, die jahrelang brachlag und heute neu bewirtschaftet wird. Rosenbüsche blühen neben Orangenbäumchen und Gemüsebeeten, die den Koch mit frischen Ingredienzen versorgen.

 

Das Ksar, so Nicole Grandsire LeVillar, soll ein Ort sein, wo die Gäste Harmonie, Ruhe und individuelle Freiheit erfahren. Freiheit, die es erlaubt, seinen Esstisch nach Lust und Laune zu platzieren – am Pool, im Garten oder irgendwo in den Gemäuern des Palastes. Fernseher sind übrigens im ganzen Haus nicht zu sehen. Sie sind in den Suiten diskret in antiken Holzschränkchen versteckt.

 

Wer auch die Abwesenheit von Handys als erstrebenswerten Luxus empfindet, tut gut daran, sich in die Kasbah Tamadot zurückzuziehen. Dort werden die Gäste gebeten, das Telefonieren zu unterdrücken und die Handys auf dem Zimmer zu lassen.

 

Die Kasbah liegt 50 Kilometer von Marrakech entfernt in der Nähe der Ortschaft Asni am Fusse des Jebel Toubkal, mit 4167 Metern höchster Berg Nordafrikas. Das Refugium war in den Sechzigerjahren vom Gouverneur der Gegend erbaut worden, bevor es der Kunsthändler Luciano Tempo übernahm und als Lager seiner Sammlungen nutzte. 1998 erregte die Kasbah die Aufmerksamkeit der Eltern des Milliardärs und Abenteurers Richard Branson. Sie hielten sich damals in Marokko auf, weil Branson von hier aus die Welt in einem Heissluftballon umfahren wollte. Zwar scheiterte das Unterfangen, doch die Bransons brachten Luciano Tempo dazu, ihnen die Kasbah zu verkaufen.

 

Sie verwandelten das Haus in ein prachtvolles 18-Zimmer-Hideaway für Ruhe Suchende. Besonders schön ist der kleine Zierpool im Innenhof der Kasbah, dessen dunkelblaue Wasseroberfläche mit stets frischen Rosenblüten bedeckt ist und pittoresk mit den sandsteinfarbenen Mauern kontrastiert. Zudem sind im ganzen Haus Kunstgegenstände und Möbel des vorherigen Besitzers platziert, welche die exklusive Aura der Kasabah unterstreichen, auch wenn sie zuweilen ins Bizarre münden, etwa die gigantischen schlangenförmigen Lampen im Salon oder die hufähnlichen Beine der Dachterrassentische.

 

Doch der wahre Luxus der Kasbah Tamadot ist nebst dem Handy- und TV-Vakuum die grandiose Aussicht. Der Blick auf die schneebedeckten Bergkuppen des Atlasgebirges, auf bewaldete Hänge und karge, rötliche Hügel ist bewegend. Und wenn sich zur Mittagszeit die Wolken zum lang ersehnten Regen zusammenballen, das Zwitschern der Vögel immer intensiver wird und von irgendwo her ein Esel mit seinem durchdringenden Ruf seinen Hunger kundtut, kehrt der Gast auf merkwürdige Art zu seinen eigenen Wurzeln zurück.

 

Die Kasbah Tamadot mit prachtvollem Ausblick aufs Atlasgebirge: Hier sind die Gäste vor lästigem Handygeklingel geschützt Doris Nufer: Mit dem Douar Akrich baute sich die Schweizerin eine neue Existenz auf – die sie nun mit ihren Gästen teilt Souk in der Medina von Marrakech: Im Gegensatz zu den Kasbahs ausserhalb der Königsstadt herrscht hier hektisches Treiben Ksar Char-Bagh in der Palmeraie, ausserhalb von Marrakech: Hier sollen die Gäste Ruhe, Harmonie und individuelle Freiheit finden, sagt die Besitzerin

 

reiseinformationen zu marrakech Flüge: Edelweiss fliegt jeden Freitag von Zürich nach Marrakech (Retourticket ab 499 Fr.). Weitere Verbindungen mit Air Berlin/Belair ab Zürich und Easyjet ab Basel.

 

Reiseveranstalter: Umfangreiche Marokko-Programme u.a. bei Kuoni (Tel 044 277 41 00, www.kuoni.ch), Esco, Sierra Mar oder Holiday Maker Tour.

 

Landhotels:
Ksar Char-Bagh: Märchenhafter Palast im maurischen Stil versteckt iim Palmenhain von Marrakech. DZ mit Frühstück ab 558 Fr. p. P., bei Kuoni. www.ksarcharbagh.com

 

Kasbah Tamadot: Prachtvolle 18-Zimmer-Kasbah des exzentrischen Milliardärs Sir Richard Branson am Fusse des Atlasgebirges, DZ mit Frühstück ab 528 Fr. www.virginlimitededition.com/kasbah

 

Douar Akrich: Paradiesische Gästefarm der Schweizerin Doris Nufer. DZ mit Frühstück 99 Franken p. P., Mittag- oder Abendessen ab 25 Fr. Tel 00212 61 32 81 49 www.akrich.com

 

Kasbah du Toubkal: Auf 1800 Meter gelegen, Boxenstopp für Trekking- und Wandertouren. Anreise zu Fuss oder auf dem Eselsrücken. DZ ab 240 Fr. mit Frühstück, Tel: 0033549 05 01 35 www.kasbahdutoubkal.com.

 

Caravan Serai: Idyllische Herberge mit Aussicht auf Palmenhain und Pool. DZ mit Frühstück ab 169 Fr. p. P., bei Kuoni. www.hotel-caravanserai.com

 

Kasbah le Mirage: Hübsche Kasbah am Rande des Palmenhais. Wenn man Pech hat, gibts Abba zum Frühstück. DZ mit Frühstück ab 108 Fr. p. P., bei Kuoni. www.kasbahlemirage.com

 

Beste Reisezeit: Im Winterhalbjahr herrscht Hochsaison in der Region Marrakech; es wird allerdings nachts kalt. Allgemeine Infos: Marokkanisches Verkehrsbüro, Tel 044 252 77 52, www.marocco.com

 

unterkünfte in marokko Karawanserei: Unterkunft am Wegrand, in der Kamelkarawanen und Reisende Kräfte tanken konnten.

 

Douar: Farm oder Gruppe von Nomadenzelten in Nordafrika.

 

Kasbah: Burganlagen inmitten, aber auch ausserhalb der Städte im Atlasgebirge. Sie dienten den örtlichen Berberstämmen als Residenzen.

 

Ksar: Wüstenfestung- oder Palast der Berber.

 

Riad: Traditionelles marokkanisches Herrschaftshaus mit viereckigem Innenhof.